Die meisten Matratzen auf dem deutschen Markt sind gesundheitlich unbedenklich, und der typische Neugeruch stammt aus dem Polyurethan-Kern und verfliegt an frischer Luft. Die Schadstoffe, um die es bei Matratzen wirklich geht, sind Weichmacher, Farbstoffreste, Formaldehyd und Lösemittelreste aus der Schaumproduktion, dazu Flammschutzmittel, die in Deutschland für Privathaushalte gar nicht vorgeschrieben sind. Stiftung Warentest prüft Bezüge, Feinpolster und Kern getrennt auf genau diese Gruppen. Welcher Stoff woher kommt und welches Siegel welchen Teil der Matratze abdeckt, klärt dieser Ratgeber.
Welche Schadstoffe in einer Matratze überhaupt vorkommen
Eine Matratze besteht aus drei Baugruppen, und jede bringt ihre eigene Chemie mit. Der Kern ist bei den meisten Modellen Polyurethan, ob er nun als Kaltschaum, Viscoschaum oder unter einem Markennamen wie Geltex oder Lumatex verkauft wird. Solche Namen beschreiben eine Rezeptur und eine Zellstruktur, keine andere Stoffklasse. Aus dem Kern stammen Reste der Ausgangsstoffe, vor allem Isocyanate und Katalysatoren, sowie flüchtige organische Verbindungen. Der Bezug steuert Farbstoffe, Ausrüstungen und gelegentlich Formaldehyd bei. Beschichtete Bezüge und wasserdichte Schoner sind die häufigste Quelle für Weichmacher im Bett.
Beim Flammschutz unterscheiden sich deutsche und britische Matratzen grundlegend. Brandschutzanforderungen für Möbel und Matratzen gelten laut Umweltbundesamt dem Objektbereich, also Pflegeheimen, öffentlichem Verkehr und ähnlichen Einrichtungen, nicht dem Privathaushalt. Wer hierzulande eine Matratze fürs eigene Schlafzimmer kauft, bekommt in aller Regel keine chemisch flammgeschützte Ware. In Großbritannien und Irland verlangt das Gesetz genau das Gegenteil.
| Stoffgruppe | Typische Quelle | Welches Siegel prüft darauf |
|---|---|---|
| Isocyanat- und Lösemittelreste, flüchtige organische Verbindungen | Polyurethan-Schaumkern | CertiPUR, LGA schadstoffgeprüft, eco-INSTITUT |
| Weichmacher (Phthalate) | Beschichtete Bezüge, wasserdichte Schoner | Öko-Tex Standard 100, CertiPUR |
| Formaldehyd, Azofarbstoffe | Bezugsstoff, Versteppung, Nähgarn | Öko-Tex Standard 100 |
| Flammschutzmittel | Objektware und Importe, im deutschen Privatbett selten | CertiPUR, LGA schadstoffgeprüft |
| Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Antimon | Pigmente, Polyesterfasern | Öko-Tex Standard 100, CertiPUR |
Die dritte Spalte zeigt bereits das Grundprinzip. Kein Zeichen deckt eine Matratze vollständig ab, jedes ist für ein Bauteil zuständig. Wie sich die Zeichen für Naturlatex und Bettwaren dazu verhalten, führt unsere Übersicht aller Matratzen-Siegel auf.
Was beim Auspacken ausgast und wie Sie es loswerden
Der Geruch einer frisch ausgerollten Matratze ist keine Einbildung. Beim Aufschäumen von Polyurethan bleiben kleine Mengen an Reaktionsprodukten im Material, und die verlassen den Schaum, sobald die Folie ab ist. Der typische Neugeruch verfliegt an frischer Luft binnen etwa 48 Stunden. Wie lange Sie vor der ersten Nacht warten sollten und warum eine Matratze ihre endgültige Festigkeit erst nach Wochen erreicht, steht im Ratgeber dazu, wie lange eine Matratze hält.
Drei Handgriffe beschleunigen das Auslüften spürbar. Stellen Sie die Matratze in den ersten Tagen aufrecht an eine Wand, damit Luft an beide Seiten kommt. Lüften Sie mehrmals täglich quer, statt das Fenster nur zu kippen. Und verzichten Sie in den ersten Nächten auf einen wasserdichten Schoner, der das Ausgasen ausbremst. Wer den Bezug gleich einmal bei 40 °C wäscht, nimmt einen Teil des Geruchs mit heraus.
Dass Ausgasen kein rein theoretisches Thema ist, zeigte ein Vorfall im Herbst 2017. Ein BASF-Werk lieferte damals über mehrere Wochen mit Dichlorbenzol verunreinigtes TDI aus, den Grundstoff vieler Schaummatratzen. Betroffen waren Modelle von Dunlopillo über Schlaraffia bis zu mehreren IKEA-Serien. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sah nach Herstellerangaben kein Gesundheitsrisiko, Stiftung Warentest hielt die Entwarnung für verfrüht. Ein Einzelfall, gewiss. Er zeigt aber, worauf die Prüfsiegel überhaupt zielen.
Weißer Staub beim Absaugen und was er bedeutet
Wer eine ältere Matratze absaugt, holt oft feinen weißen Staub heraus und hält ihn für zerfallenden Schaum. In den allermeisten Fällen ist er das nicht. Der Staub besteht aus Hautschuppen, eingetrockneten Schweißrückständen, Textilfasern und Milbenkot, also aus dem, was jede Nacht anfällt. Mit Schadstoffen hat er nichts zu tun. Für Hausstauballergiker ist er trotzdem der beste Grund, regelmäßig abzusaugen; wie das geht, steht im Ratgeber Matratze reinigen.
Anders liegt der Fall, wenn gelbliche Krümel mitkommen und sich der Kern an den Kanten bröselig anfühlt. Dann zerfällt der Schaum tatsächlich, meist nach acht bis zehn Jahren Nutzung. Sauber bekommen Sie eine solche Matratze nicht mehr, und ihre Stützkraft ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin dahin. Ein Ersatz muss dabei nicht teuer sein: Ein schadstoffgeprüfter Kaltschaumkern aus deutscher Fertigung ist ab knapp 200 € zu haben.
Öko-Tex Standard 100 deckt den Bezug ab
OEKO-TEX
Das mit Abstand häufigste Siegel auf deutschen Matratzen ist der Öko-Tex Standard 100. Er ist ein Textilsiegel und prüft modular, also jede textile Komponente einzeln, gegen einen Katalog von mehr als 1.000 Einzelsubstanzen. Bei einer Matratze heißt das in der Regel, dass der Bezug geprüft ist und der Schaumkern darunter nicht zwingend. Ein Zertifikat gilt ein Jahr und muss jährlich erneuert werden. Was die vier Produktklassen bedeuten und wie Sie eine Prüfnummer in zwei Minuten selbst kontrollieren, steht ausführlich in unserem Ratgeber zu Öko-Tex bei Matratzen.
CertiPUR prüft den Schaum, nicht die Matratze
CertiPUR
Genau die Lücke, die ein Textilsiegel offenlassen muss, schließt CertiPUR. Getragen wird das Programm vom europäischen Schaumstoffverband EUROPUR, und es zertifiziert ausschließlich Polyurethan-Weichschaum. Ausgeschlossen sind unter anderem Schwermetalle wie Quecksilber, Blei und Cadmium, Phthalat-Weichmacher, krebserzeugende oder erbgutverändernde Stoffe sowie Farbmittel, die nach EU-Recht als krebserzeugend oder allergen gelten. Dazu kommen Grenzwerte für die VOC-Emissionen. Die Schäume der Zeichennehmer werden jährlich von unabhängigen Laboren nachgeprüft.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens zertifiziert CertiPUR den Schaum und nie die fertige Matratze; ein Hersteller darf das Logo führen, weil er zertifizierten Schaum einkauft. Der Bezug, die Versteppung und der Klebstoff bleiben außen vor. Zweitens ist das europäische CertiPUR nicht dasselbe wie das amerikanische CertiPUR-US. Beide Programme haben eigene Träger und eigene Kriterienkataloge, gleich ist praktisch nur der Name. Worin sich die Grenzwerte unterscheiden, warum Flammschutzmittel und Haltbarkeit nur zur amerikanischen Variante gehören und wie Sie einen Schaumhersteller in den EUROPUR-Listen nachschlagen, steht in unserem Ratgeber zu CertiPUR und CertiPUR-US.
LGA schadstoffgeprüft deckt das fertige Produkt ab
LGA schadstoffgeprüft
Hier lohnt eine Begriffsklärung, weil im Handel viel durcheinandergerät. „TÜV Rheinland“ ist kein Siegel, sondern ein Prüfunternehmen. Das matratzenrelevante Zeichen heißt LGA schadstoffgeprüft und wird von der TÜV Rheinland LGA Products GmbH vergeben. LGA steht für die Landesgewerbeanstalt Bayern, eine Tochtergesellschaft des TÜV Rheinland. Anders als die beiden vorigen Zeichen bezieht es sich auf das fertige Produkt samt Schaumkern und prüft auf krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Stoffe sowie auf die Summe der flüchtigen organischen Verbindungen. Jedes Zeichen trägt eine ID-Nummer, die Sie in der Zeichendatenbank Certipedia nachschlagen können.
Auf günstigen Matratzen sehen Sie das Zeichen selten, im oberen Preissegment häufiger. In unserem Testfeld trägt es die TEMPUR PRO SmartCool, die mit 1.948 € allerdings auch entsprechend einsortiert ist.
Das eco-INSTITUT-Label misst, was in die Raumluft geht
eco-INSTITUT
Das vierte Zeichen, das Ihnen bei Matratzen begegnet, arbeitet anders herum als die übrigen. Das eco-INSTITUT-Label fragt weniger danach, was im Material steckt, sondern misst, was das Produkt in einer Prüfkammer an die Luft abgibt. Genannt werden unter anderem flüchtige organische Verbindungen, Nitrosamine, Schwefelkohlenstoff, Biozide und Weichmacher. Für Matratzen gibt es keine gesetzlichen Emissionsvorgaben, das Label ist damit freiwillig strenger als jede Pflicht.
Eine Sache sollte man dazu wissen. Das eco-INSTITUT schreibt die Prüfkriterien und führt die Prüfungen selbst durch. Das Labor ist nach ISO/IEC 17025 akkreditiert und die Zertifizierungsstelle im Haus organisatorisch getrennt, Kriterienhoheit und Messung liegen aber unter einem Dach. Das ist in der Siegelwelt üblich und kein Vorwurf, gehört beim Abwägen von Zeichen aber dazu.
Worauf Sie beim Kauf einer schadstofffreien Matratze achten
„Schadstofffrei“ ist kein geschützter Begriff und keine messbare Eigenschaft. Jedes Material gibt etwas ab, die Frage ist nur, wie viel und was. Wer eine schadstofffreie Matratze sucht, filtert deshalb besser nicht nach dem Wort, sondern nach drei Dingen.
Auf die Kombination achten. Öko-Tex allein deckt den Bezug ab. Erst zusammen mit CertiPUR oder LGA schadstoffgeprüft ist eine Matratze von der Oberfläche bis zum Kern schadstoffgeprüft. In unseren Matratzen-Testberichten steht diese Kombination bei jedem Modell in der Spezifikationstabelle.
Das Material vor dem Siegel bedenken. Ein Kern aus Naturkautschuk oder aus Kokos und Rosshaar hat das Polyurethan-Thema von vornherein nicht. Dafür ist Naturlatex teurer, schwerer und beim Wenden unhandlich. Dort zählen dann andere Zeichen, nämlich QUL, GOLS und IVN Best, weil Öko-Tex den Bezug meint und CertiPUR über einen Latexkern nichts sagt. Welche Modelle das können, zeigt unser Vergleich der besten Naturlatexmatratzen. Die allnatura Sana-Optima etwa kombiniert einen 7-Zonen-Stiftlatexkern aus 100 % Naturkautschuk mit einem Bezug aus kontrolliert biologisch angebauter Baumwolle, ab 898 €.
Den Preis im Blick behalten. Naturmaterialien liegen deutlich über den Schaumpreisen. Wer den Aufpreis einplant, sollte ihn wenigstens nicht zum vollen Listenpreis zahlen; die laufenden Aktionen der Hersteller sammeln wir unter Gutscheincodes.
Unser Fazit
Schadstoffe in Matratzen sind auf dem deutschen Markt ein überschaubares Risiko, aber kein erfundenes. Der Neugeruch nach dem Auspacken ist normal und nach rund zwei Tagen Geschichte, der weiße Staub beim Absaugen ist Hausstaub und kein Materialzerfall. Prüfen sollten Sie im Zweifel nur zwei Dinge: ob es eine nachschlagbare Prüfnummer gibt und ob Bezug und Kern beide abgedeckt sind. Öko-Tex allein reicht dafür nicht, CertiPUR allein ebenso wenig. Wer die Schaumchemie ganz umgehen will, landet bei Naturlatex oder Kokos und zahlt den Aufpreis dafür bewusst.
Paradies Prolife Supreme 7-Zonen Kaltschaum
Von Stiftung Warentest mit gut (2,2) bewerteter 7-Zonen-Kaltschaum aus deutscher Fertigung, mittelfest mit MEGACell-Schulterzone.